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Goethe-Jahr


     Wenn zu erwarten ist, dass das kommende Jahr kein besonders erfreuliches werden wird (und das ist eigentlich Jahr für Jahr so), besinnen sich kluge Leute auf eine berühmte Person, unter deren Namen dieses Jahr erträglicher werden soll. Das trifft in den wenigsten Fällen zu, wofür aber die Namenspatrone und diejenigen, die sie auswählten, nicht verantwortlich gemacht werden können. So war die Wahl vor ein paar Jahren recht einfach. Sie fiel auf einen Herrn, der vor 250 Jahren geboren wurde, was allein noch kein Grund für eine derartige Ehrung sein kann. Sein Genius aber ist unumstritten, nur hat die Vielseitigkeit, die ihn auszeichnete, einen kleinen Mangel – doch dazu später.

     Er war Lyriker und Gelegenheitsdichter, Erzieher und Hofmann, Philosoph und Beamter, Naturwissenschaftler, Epiker, Bühnenschriftsteller, Romancier, Theaterleiter, alles in einer Person, aber – und das sei nachdrücklich betont: Tischtennisspieler war er nicht. Die obskuren wissenschaftlichen Ergebnisse, die ein wegen seiner haarsträubenden Geschichtsdarstellungen verrufener Schreiberling vor einigen Jahren in einem so genannten Amtlichen Organ veröffentlichte, hielten genauen Nachprüfungen nicht stand. Dass Goethe, denn um diesen und das Goethe-Jahr geht es hier, mit Tischtennis nichts am Hut hatte, schmälert seinen Ruhm keineswegs, sind doch eine Vielzahl höchst bedeutender Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft, ja sogar aus der Politik, berühmt geworden, ohne jemals einen Schläger in der Hand gehabt zu haben. Objektiv betrachtet war das eher gut für unseren Sport.

    
In diesem Jahr also ehrten wir Johann Wolfgang von Goethe mit vielen Ausstellungen, Lesungen, die Feuilletons quollen über von tiefschürfenden Essays, doch besonders waren die Schulen entzückt, denn nun konnten die Lehrer Tausenden von ahnungslosen Schülern mit interessanten Aufsatzthemen schlaflose Nächte bereiten. Das taten sie vor allem mit dem Hauptthema „Goethe als solcher“ und ließen ihre Zöglinge ratlos über der Vermutung brüten, Goethe könne mit seiner Farbenlehre als Vorreiter der Graffiti-Spray-Kunst gelten. Der Versuch, ihn mit der Rechtschreibreform in Verbindung zu bringen, scheitert im Ansatz, Goethe schrieb, wie er gerade Lust hatte. Bezüge zur Gesundheitsreform allein auf Grund des Ausrufes „...Nachbarin, Euer Fläschchen !“ herzustellen, versprachen auch keinen Erfolg. Fortschrittliche Lehrer verfielen daher auf die Idee, Goethe-Texte in die Gegenwart umsetzen zu lassen und nehmen das Götz-Zitat im täglichen Sprachgebrauch als vorbildliches Beispiel. Die Ergebnisse dieser Versuche waren nicht ermutigend, einzig die Bearbeitung eines Gedichtes (Das Schweigen im Walde) verdient erwähnt zu werden. Der 14-Jährige Martin S. aus O. schrieb aus Verärgerung darüber, dass an seiner Schule der differenzierte Sportunterricht und damit Tischtennis nicht mehr stattfindet:

Über allen Tischen

Ist Ruh

Aus allen Hallen

Hörest du

Kaum einen Laut

Die Schläger sind in der Hülle

Spürst du die Stille

Tischtennis ist out

     Er bekam eine glatte Fünf. Vom Kultusministerium, an das Martin S. sich wandte, erhielt er die Antwort, der Herr Kultusminister habe wegen seiner Verpflichtungen im laufenden Goethe-Jahr keine Zeit, sich mit dem Schulsport zu befassen, wolle dies aber sicherlich im Jahre des Tischtennis-Sports tun. Martin möge sich bis dahin gedulden, man müsse erst die anstehenden Jubiläen (etwa 150 an der Zahl) gebührend abfeiern.

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