WM ´69 – Heiße Spiele in einer eiskalten Halle
1969 war München zwei Wochen lang der Mittelpunkt der Tischtenniswelt. Vom 17. – 27. April fanden dort in der Eissporthalle die 30. TT-Weltmeisterschaften statt. Das Interesse der Medien war ungewöhnlich groß, und die unerwarteten Erfolge der deutschen Teilnehmer lösten einen lang andauernden Boom aus. 54 Nationen beteiligten sich mit 48 Herren- und 39 Damenmannschaften. Insgesamt waren es 426 Teilnehmer/innen, die in 3030 Spielen unter der Aufsicht von 120 Schiedsrichtern an die Tische gingen. 12000 Bälle, so rechnete man, würden dabei „zerspielt“ werden. Titelverteidiger im Mannschaftswettbewerb der Herren war Japan, das auch als klarer Favorit galt. Dem deutschen Herrenteam räumte man Medaillenchancen ein, es hatte immerhin vier Jahre zuvor in Stockholm hinter Japan, Nordkorea und Schweden den vierten Rang belegt. Nordkorea startete nicht, doch Jugoslawien mit dem Weltranglistenvierten Dragutin Surbek drittstärkste europäische Nation neben der UdSSR und Schweden, waren zu beachten, ebenso die Tschechoslowakei. Ausschlaggebend würde Eberhard Schölers Form sein, der in der aktuellen Weltrangliste zwar nur auf Platz 17 eingestuft war, doch als unser Hoffnungsträger galt, unterstützt von dem 19-jährigen Bernt Jansen und den Routiniers Lieck und Neß – und dem einheimischen Publikum. Trainer war Vilim Harangozo, Kapitän Werner Haupt. Die deutschen Damen kamen mit der Empfehlung des Europameistertitels 1968 nach München. Agnes Simon, Edith Buchholz, Diane Schöler und Wiebke Hendriksen traute man zumindest eine gute Platzierung in der Zwischenrunde zu. In den Einzelkonkurrenzen führte der Weg zum Erfolg, wenn überhaupt, nur über die Japaner. Mit Ausnahme des Herrendoppels (Alser/Johannson) stellten die Japaner alle Titelverteidiger.
Wie ein roter Faden zog sich das Thema Olympiade 1972 in München durch alle Reden der Eröffnungsfeier. Diese TT-WM 1969, ausgestattet mit einem (für die damaligen Verhältnisse großen) Etat von 750 000 DM, sollte eine vorolympische Probe sein in einer Halle, die schon für Eishockey unzulänglich war, unbeheizbar, kahl und unfreundlich, ein riesiger Betonschuppen. Wider besseres Wissen hatte man der Stadt München nachgegeben, die mit der Eissporthalle am Fuße des Fernsehturms auf dem Oberwiesenfeld, dem späteren Olympiagelände, Erfahrungen sammeln wollte. Die Presse – 200 Journalisten waren vor Ort – hatte sich bereits eingeschossen, Tiefkühltruhe, Eisbunker waren noch die mildesten Bezeichnungen, doch es sollte noch schlimmer kommen. In der Nacht nach der Eröffnungsfeier kam ein Kälteeinbruch, der alle Befürchtungen noch übertraf.
Die Feier selbst war präzise und reibungslos abgelaufen, die Sorgen um eine mögliche Demonstration der DDR- Delegation waren unbegründet gewesen, und nun konnten die monatelangen Vorbereitungen der 17 Komitees endlich in die Tat umgesetzt werden. Die Hochstimmung, die wohl jede gelungene Eröffnungsfeier auslöst, wich am Morgen des ersten Wettbewerbstages kalter Ernüchterung: Das Thermometer am Halleneingang zeigte 5 Grad Celsius, immerhin noch über Null, an... So war meine erste Amtshandlung nur logisch – das Thermometer wurde sofort demontiert, und für mein Technisches Komitee begannen hektische Tage. Neben der Beschaffung verschiedenster Dinge für die anderen Komitees in der nur notdürftig ausgestatteten Halle mussten Planen und Vorhänge organisiert werden, um die Zugluft abzuhalten, und besonders die Journalisten, die in einer ungeheizten Baracke über ihren Schreibmaschinen froren, mit Heizlüftern freundlicher gestimmt werden. Einen Großteil dieser Materialien holten wir uns von einer Verleihfirma für die Messe, darunter, wenn auch unter Protest, den Privatschreibtisch des Lagerverwalters. In den ersten Tagen waren wir bis zu 18 Stunden in der Halle, mal zog es hier, mal blendete es dort, Anzeigetafeln mussten montiert und wieder demontiert werden, damit die Werbetafeln nicht unerlaubt ins Blickfeld der Kameras kamen, die elektronischen Zählgeräte streikten - Spiele in Ruhe zu beobachten, hatten wir schon nach dem ersten Tag aufgegeben, dafür waren wir pausenlos auf den Rängen und in den Katakomben unterwegs. Die Fernsehteams klagten über die ungenügende Helligkeit, bis die Amerikaner eine eigene tonnenschwere Strahlerbatterie an der 18 Meter hohen Deckenkonstruktion anbrachten. Die erste Probe zeigte, dass man die Strahler um 90 Grad drehen musste, da die Spieler sonst direkt ins gleißende Licht sehen würden. Ungerührt gingen die Amerikaner erneut ans Werk, und während in der bereits leeren Halle noch ein einsames Vorrundenspiel lief, hieß es gegen ½ 12 Uhr nachts endlich „Spot on“.
Die deutschen Herren überstanden ihre leichte Vorrundengruppe mit Indonesien, Ghana und der VAR problemlos, ebenso die deutschen Damen, die es mit der Schweiz und Irland zu tun hatten. In der Zwischenrunde besiegte Rumänien sensationell den Titelverteidiger Japan mit 3 : 1, Diane Schöler und Edith Buchholz gewannen gegen Schweden und Ungarn jeweils 3 : 0. Im „Schwesternduell“ gegen die DDR siegten sie überraschend klar mit 3 : 0. Das Verhältnis der beiden Staaten war zu dieser Zeit so tiefgekühlt wie die Halle, die Presse bezeichnete die DDR-Mannschaft als „die aus der Zone“, die Athletinnen verweigerten auf Geheiß ihrer Mannschaftsleitung westlichen Journalisten Interviews, stellten sich aber unaufgefordert dem deutschen Team zum Einspielen vor dem Match gegen Rumänien zur Verfügung. Dieses Spiel ging zwar klar 0 : 3 verloren, doch mit einem glänzenden 3 : 0 über Südkorea war das Ziel 5. Platz erreicht. Den Titel gewann die Sowjetunion mit Rudnowa und Grinberg durch ein 3 : 0 über die Rumäninnen Alexandru und Crisan.
Nun begannen die entscheidenden Spiele für die deutschen Herren, und da spielte sich ein Mann in die Herzen der Zuschauer und beherrschte die Schlagzeilen der Presse – Eberhard Schöler. „Mr. Pokerface“ und „ Sphinx am grünen Brett“ nannte man ihn, „Gummiwand“, den „Roboter am Tisch“, und das war wohl nicht übertrieben. Er sollte der einzige Spieler sein, der bis zum Endspiel in den Mannschaftskämpfen kein Spiel verlor. Nach einem mühsamen Sieg über Südkorea traf unser Team auf Schweden, und nach Schölers klaren Erfolgen über Persson und Johannson war Hans Alser der nächste Gegner. Nach 15 Minuten im ersten Satz stand es 0 : 2 - also Zeitspiel, und Schöler, bejubelt von 4000 Zuschauern, gewann 2 : 1. Bernd Jansen, einmal wie ein Weltmeister, dann wieder wie ein Anfänger spielend, und der zuverlässige Wilfried Lieck machten das 5 : 4 perfekt. Das Halbfinale gegen Angstgegner CSSR sah eine geschlossene Mannschaftsleistung, im entscheidenden letzten Spiel suchte Jaroslav Stanek seine Chance im Zeitspiel – doch er hatte keine. Mit einem 2 : 0 – Sieg stellte Schöler den 5 : 4 Endstand her – Deutschland war im Finale gegen Japan.
Das Oberwiesenfeld zeigte alle Varianten schlechten Wetters. Nachts kam Wind auf – Sturm, wie wir am Morgen an den zerfetzten Fahnen an den Masten sahen. Zudem begann es zu schneien. Der Wind blies den Schnee durch die Lüftungsöffnungen, die an den oberen Umgängen unmittelbar unter der Dachkonstruktion für die Belüftung und Klimatisierung bei Eishockeyspielen sorgen sollten. Inzwischen konnten wir einige transportable Heizgeräte an den Aufgängen installieren, doch ohne große Wirkung. Die Lüftungsöffnungen mussten geschlossen werden. Den Architekten zu befragen war nicht möglich, er war im Urlaub in Südamerika, er schien Schlimmes geahnt zu haben. Die Halle oben ganz abzudichten, war nach Meinung von Experten riskant, sie befürchteten, dass es bei der nun stets gefüllten Halle in einem bestimmten Temperatur- und Feuchtigkeitsbereich in der Halle regnen könnte – das hatten wir noch nicht.... Doch es musste gehandelt werden, die Stadt München, Polizei und Feuerwehr halfen, also besorgten wir einen LKW, ein Oberbrandmeister und eine Polizeistreife begleitete uns, und die Polizisten brachen (es war Samstag) das Tor zum Lagerplatz einer Firma auf, die dort Latten und Balken gelagert hatte. Es wurde aufgeladen, was wir für nötig hielten. Plastikplanen waren bereits in der Halle, dort warteten auch etliche inzwischen organisierte Handwerker, und es konnte begonnen werden, auf der dem Wind ausgesetzten Seite die Halle abzudichten. Kurz vor dem Beginn des Mannschaftsfinales der Herren Deutschland – Japan war die Arbeit fast getan, so glaubten wir. Einige Polizisten waren noch auf dem oberen Umgang, die Halle hatte sich fast gefüllt, doch während die Nationalhymnen erklangen, fegte plötzlich eine Windböe über das Oberwiesenfeld, fing sich in den Planen, und die ersten nur lose verkeilten Balken kamen herunter. Die Polizisten reagierten rasch, sperrten den Gang, die letzten Nachzügler, die zu ihren Eingängen eilten, schienen so im Endspielfieber, dass sie nicht bemerkten, welchem Chaos sie eben entgangen waren. In der Halle selbst hatten die Beifallsstürme alles übertönt, was draußen vorging, und wir verzogen uns bleich und erleichtert in die Regiekabine. Dort nahm ich den Anruf eines Journalisten aus Köln entgegen, der unbedingt darauf bestand, dass ich ihm über das eben laufende Spiel Schöler gegen Ito berichten sollte. Das war meine erste Live-Reportage, eine miserable noch dazu, aber Schöler gewann trotzdem 2 : 1. Die Japaner siegten mit 5 : 3, Deutschland war Vizeweltmeister. Nach einem Ruhetag begannen die Einzelwettkämpfe, und auch hier begeisterte Schöler das inzwischen auf ihn eingeschworene Publikum.
Vor 6700 Zuschauern lieferte das deutsche Team den Japanern einen dreieinhalbstündigen erbitterten Kampf. Zwei Siege von Schöler (gegen Ito und Hasegawa) und ein völlig unerwarteter Erfolg von Bernt Jansen über den amtierenden Weltmeister Hasegawa reichten am Ende doch nicht, Wilfried Lieck konnte nicht punkten. 5 : 3 war der Endstand, die Mannschaft des Vizeweltmeisters erhielt orkanartigen Beifall für diese von keinem Experten erwartete Leistung. Die Presse war versöhnt, die widrigen Umstände fast vergessen, denn nach dem Ruhetag besserte sich das Wetter, es wurde in den Tagen darauf fast unerträglich heiß in der Halle, aber auch in den Boxen ging es heiß her. Die Überraschungen in den Einzelwettbewerben häuften sich, die unbekannte Engländerin Piddock gewann in der ersten Hauptrunde gegen die amtierende Weltmeisterin Morisawa aus Japan, Japans Weltmeister Hasegawa wurde in einem der besten Spiele des Turniers vom jungen Anton Stipancic geschlagen, doch das Hauptinteresse der Zuschauer galt den deutschen Damen und Herren. Edith Buchholz führte 2 : 0 gegen Gabriele Geißler aus der DDR und verlor noch 2 : 3. Geißler gewann das Halbfinale gegen die Japanerin Hamada 3 : 2 und musste sich erst im Endspiel der Japanerin Kowada : 1:3 geschlagen geben, ein großartiger Erfolg, der leider in der Euphorie über unsere westdeutschen Teilnehmer etwas unterging. Alle Hoffnungen ruhten auf Eberhard Schöler; man erwartete fast selbstverständlich den Titel von ihm. Er kam im Viertelfinale über Stanek und im Halbfinale über Tasaka ins Finale, der Japaner Ito, sein Endspielgegner, über den Russen Gomozkow und seinen Landsmann Kasai.
Am Finaltag der Einzelwettbewerbe verwandelten über 6500 Zuschauer die Halle in ein Tollhaus, das rhythmische Klatschen und die „Schöler!“- Rufe begleiteten ein 5-Satzspiel, in dem Schöler bereits 2 : 0 nach Sätzen führte, bis Ito die zweite Luft zu bekommen schien. Zu 19 und 15 entschied er die nächsten beiden Sätze, verzweifelt agierte das Publikum, wollte seinen Liebling zum Sieg schreien und klatschen, doch Ito gewann den 5. Satz mit 21 : 9, erlitt einen Weinkrampf und musste total erschöpft kurz aus der Halle getragen werden. „Es sollte eben nicht sein“, war Schölers gelassener Kommentar, während der wieder erholte Ito fast unter der Last des Pokals zusammenbrach. Die asiatische Übermacht bei den Weltmeisterschaften der letzten Jahre war zwar nicht ganz gebrochen, doch die Europäer hatten eindrucksvoll Zeichen gesetzt. München ´69 – eine WM, wie man sie unter ähnlichen Umständen nie mehr ausrichten dürfte, aber eine Weltmeisterschaft mit Erfolgen für uns, wie man sie gerne wiederholen würde.
Fast hätten die Zerberusse am Zugang zum Innenraum Schölers Finalteilnahme verhindert, denn die wackeren alten Herren der Wach- und Schließgesellschaft kannten ihn nicht, doch nach gutem Zureden erhielt er Einlass. Das Publikum war in euphorischer Stimmung, in der Halle war es heiß geworden, Schöler führte 2 : 0 gegen Ito, der in den nächsten Sätzen alles versuchte, kurze Pausen einlegte, die Brille putzte, aber nur, wenn er im Rückstand lag – führte er, schien er blind zu spielen, und Schöler wurde müder. Satzausgleich, 2 : 2, und die Halle tobte. Noch war der Ausgang ungewiss, wie würde das Publikum in dieser aufgeheizten Stimmung reagieren ? Wir sorgten vor, als es zur Siegerehrung ging – Schöler hatte den 5. Satz verloren – bildete ein per Funk gerufener Zug der Münchner Schutzpolizei ein offenes Karree um das Siegerpodest, und das begeisterte Publikum nahm die an einem roten Seil aufgereihten Polizisten als Teil des Schlussaktes einer gelungenen Inszenierung hin, welche diese WM trotz aller Widrigkeiten schließlich doch war.