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Benno Drallmeier
WM 69
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Showdown
 

     Pünktlich um 16 Uhr fiel die Klappe für das Finale. Die Videokamera war bereit, Drallmeier betrat die Box wie damals Wyatt Earp den O.K.-Corral; zwei Prüfer mussten mit Gewalt am Verlassen der Halle gehindert werden, als Wyatt Earp alias Benno Drallmeier den Schläger zückte. Die Kommission wollte Deckung nehmen, besann sich aber und schickte einen Sparringspartner in die Box. Dieser war so blass wie Doc Holiday und hüstelte vor dem ersten Ballwechsel verlegen. 

     Drallmeier begann mit einem spontan verzögerten Fehlaufschlag, zeigte fein dosiert gelöffelte Netzbälle, unterbrochen durch garnierte Aufschnittbälle als Vorbereitung für wohltemperierte Endschläge. Zwischendurch streute er einen parallelen Passierschlag ein, unterbrach kurz seine Demonstration, um einige seiner Spezialschläge zu erklären. Als er vom zweifach überrissenen Unterschnittball sprach und den einwärts gezwirbelten Netzheber erwähnte sowie den ballonierten Stop-Lob, erblich die Kommission. Diesen Ball empfahl er als taktische Variante gegen Abwehrspieler und als Vorbereitung für den eingesprungenen Schwung-Spin – innen genoppt, betonte er. Bei diesem Schlag, so ließ er die verstummten Prüfer wissen, leite nach einer Nurejew-Pirouette ein koketter Grätschsprung in Netzhöhe den eigentlichen Spin ein. Dieser werde mit einer ganzen Körperdrehung bei total geschlossenem Schläger ausgeführt, solle aber, so schränkte Drallmeier ein, nicht im Doppel gespielt werden, wegen der Verletzungsgefahr für den Partner. 

     Die Kommission hatte dies alles im Zustand tiefer Lethargie über sich ergehen lassen. Der Vorsitzende zeichnete vier Strichmännchen mit Tischtennisschlägern in den Prüfungsbogen; als Drallmeier seinen besten Schlag als Uraufführung ankündigte, gab er sich einen Ruck, malte vier Galgen daneben und hing die Männchen entschlossen daran auf. Der angehockte Außenreißer, auch halbseitiger Wompach genannt, sollte in wenigen Augenblicken für die Nachwelt dokumentiert werden. Drallmeier konzentrierte sich; als er die vierte Ebene der fünf Motivationsstufen erreicht hatte, ging er in Position. Drei schnelle Anlaufschritte, eine tiefe Hocke, Drallmeier schnellte hoch und riss während einer Hechtrolle an der Längsseite des Tisches entlang den Schläger millimetergenau am Ball vorbei. Der Effet, den Drallmeier bekam, war beträchtlich; unverletzt fiel der Ball zu Boden, Drallmeier hatte ihn noch im Flug überholt. 

     Hochrufe brandeten auf, stehend wurde applaudiert; der mit Blaulicht vorgefahrene Rettungswagen wurde nicht benötigt, denn Drallmeier war nichts passiert, nur der Hausmeister war ohnmächtig geworden und ein Zuschauer hatte einen Ball verschluckt. Aus einem Kassettenrekorder dröhnte „We are the Champions“ und drei Hartbrettspieler sangen „Im Frühtau zu Berge“. Die Kommission kapitulierte endgültig und Drallmeier erhielt für den technischen und den künstlerischen Wert viermal die Note 6,0. 

     In der Stunde seines Triumphes blieb er bescheiden, nahm die Glückwünsche gelassen entgegen, und während in der Halle die Sektkorken knallten, kümmerte er sich selbstlos um einen Prüfer, der in der Kabine in seiner Verwirrung eine Flasche Muskelfluid ausgetrunken hatte. Die abendliche Schlussbesprechung war nur noch Formsache. Drallmeier wurde für den Bambi vorgeschlagen, er war sehr ausgelassen, warf etliche Runden, und zu später Stunde gab er reihum Autogramme auf ungedeckten Scheckformularen, so glücklich war er. Sein Empfang zu Hause war durch vier Spalten in der Lokalpresse gut vorbereitet, die Wirtin hatte Girlanden aufgehängt, seine Mannschaft stand Spalier und klatschte. Boogie konnte nicht klatschen, freute sich aber sichtlich, als Drallmeier sein Versprechen einlöste und ihm ein Übungsleiter-Abzeichen an die dritte Rippe heftete. Dem Beginn einer glanzvollen Karriere stand nichts mehr im Wege. 

     Die Prüfungskommission war noch am Abend des denkwürdigen Tage still und nachdenklich auseinender gegangen; die einzelnen Schicksale wurden erst nach und nach bekannt. Der Versuch, den angehockten Außenreißer nachzuvollziehen, brachte einen der Trainer ins Gefängnis, denn, nachdem ihm ein halbes Jahr später der Gips abgenommen worden war, zerbrach er alle seine Schläger und steckte mit dem letzten Drei-Stern-Ball die Halle seines Vereins in Brand. Er wurde jedoch vorzeitig entlassen, weil er im Kirchenchor fortwährend an den unpassendsten Stellen „We are the Champions“ anstimmte und deswegen eine Meuterei auszubrechen drohte. 

     Eine steile Karriere machte dagegen der zweite Trainer; seine gutgehende Praxis für Vorhandgeschädigte genießt hohes Ansehen, im Selbststudium erwarb er sich weitere Kenntnisse, was ihm die Berufung an die Berliner Charite einbrachte. Dort bekam er den vakanten Lehrstuhl für Rückhand-Chirurgie angeboten und gilt in der Fachwelt als Kapazität auf diesem Gebiet. Weniger gut erging es dem Vorsitzenden. Ihm sagt man eine leichte geistige Verwirrung als Folge des Lehrgangs nach; an Feiertagen ist er häufig in der Fußgängerzone seiner Stadt zu sehen, wo er aufrührerische Reden hält und zum Eintritt in die Deutsche Biomechanische Partei aufruft. Er ist Vorsitzenden und einziges Mitglied seiner Partei, gilt als nicht gemeingefährlich, muss sich aber einmal im Monat zur amtsärztlichen Untersuchung melden. 

     Das interessanteste Schicksal erlitt der Trainer mit der Lizenz aus Las Vegas. Sofort nach dem Lehrgang schrieb er ein Lehrbuch auf der Grundlage der Drallmeierschen Theorien, das in den Vorbesprechungen bei den Experten sehr gut abschnitt. Er hatte davon im Selbstverlag  10 000 Exemplare drucken lassen, drei davon an seine Familie verkauft und ließ sich, als die Druckerei nachdrücklich mahnte, als Animateur auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern; dort gibt er auch Tischtennisunterricht. Zufällig lernte er in der Karibik einen lappländischen Großindustriellen kennen, der ihm anbot, als Nationaltrainer am Polarkreis zu wirken. Er nahm das Angebot sofort an und ist dort sehr erfolgreich. 

     Benno Drallmeier, dem er dieses Engagement letztlich zu verdanken hat, vergaß er nicht, er lud ihn zu den Polarkreismeisterschaften als Ehrengast ein; Drallmeier nahm die Einladung erfreut an. Beim abschließenden Bankett ließ er es sich nicht nehmen, den Schwungspin und den Außenreißer persönlich vorzuführen. Diese Schläge wurden sofort als „Drallmeiers Nordische Kombination“ in den Lehrplan aufgenommen, er selbst erhielt die Ehrenmitgliedschaft des gastgebenden Verbandes. Als Zeichen der besonderen Anerkennung überreichte man ihm ein versilbertes Elchgeweih, das, nachdem Drallmeier es dank seiner internationalen Beziehungen problemlos durch den Zolle gebracht hatte, nun im Vereinsheim über dem goldgerahmten Trainerdiplom hängt.
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