Showdown
Pünktlich um 16 Uhr fiel die Klappe für
das Finale. Die Videokamera war bereit, Drallmeier betrat die Box wie damals
Wyatt Earp den O.K.-Corral; zwei Prüfer mussten mit Gewalt am Verlassen der
Halle gehindert werden, als Wyatt Earp alias Benno Drallmeier den Schläger
zückte. Die Kommission wollte Deckung nehmen, besann sich aber und schickte
einen Sparringspartner in die Box. Dieser war so blass wie Doc Holiday und
hüstelte vor dem ersten Ballwechsel verlegen.
Drallmeier begann mit einem spontan
verzögerten Fehlaufschlag, zeigte fein dosiert gelöffelte Netzbälle,
unterbrochen durch garnierte Aufschnittbälle als Vorbereitung für
wohltemperierte Endschläge. Zwischendurch streute er einen parallelen
Passierschlag ein, unterbrach kurz seine Demonstration, um einige seiner
Spezialschläge zu erklären. Als er vom zweifach überrissenen Unterschnittball
sprach und den einwärts gezwirbelten Netzheber erwähnte sowie den ballonierten
Stop-Lob, erblich die Kommission. Diesen Ball empfahl er als taktische Variante
gegen Abwehrspieler und als Vorbereitung für den eingesprungenen Schwung-Spin –
innen genoppt, betonte er. Bei diesem Schlag, so ließ er die verstummten Prüfer
wissen, leite nach einer Nurejew-Pirouette ein koketter Grätschsprung in
Netzhöhe den eigentlichen Spin ein. Dieser werde mit einer ganzen Körperdrehung
bei total geschlossenem Schläger ausgeführt, solle aber, so schränkte
Drallmeier ein, nicht im Doppel gespielt werden, wegen der Verletzungsgefahr
für den Partner.
Die Kommission hatte dies alles im
Zustand tiefer Lethargie über sich ergehen lassen. Der Vorsitzende zeichnete
vier Strichmännchen mit Tischtennisschlägern in den Prüfungsbogen; als
Drallmeier seinen besten Schlag als Uraufführung ankündigte, gab er sich einen
Ruck, malte vier Galgen daneben und hing die Männchen entschlossen daran auf.
Der angehockte Außenreißer, auch halbseitiger Wompach genannt, sollte in
wenigen Augenblicken für die Nachwelt dokumentiert werden. Drallmeier
konzentrierte sich; als er die vierte Ebene der fünf Motivationsstufen erreicht
hatte, ging er in Position. Drei schnelle Anlaufschritte, eine tiefe Hocke,
Drallmeier schnellte hoch und riss während einer Hechtrolle an der Längsseite
des Tisches entlang den Schläger millimetergenau am Ball vorbei. Der Effet, den
Drallmeier bekam, war beträchtlich; unverletzt fiel der Ball zu Boden,
Drallmeier hatte ihn noch im Flug überholt.
Hochrufe brandeten auf, stehend wurde
applaudiert; der mit Blaulicht vorgefahrene Rettungswagen wurde nicht benötigt,
denn Drallmeier war nichts passiert, nur der Hausmeister war ohnmächtig
geworden und ein Zuschauer hatte einen Ball verschluckt. Aus einem
Kassettenrekorder dröhnte „We are the Champions“ und drei Hartbrettspieler
sangen „Im Frühtau zu Berge“. Die Kommission kapitulierte endgültig und
Drallmeier erhielt für den technischen und den künstlerischen Wert viermal die
Note 6,0.
In der Stunde seines Triumphes blieb er
bescheiden, nahm die Glückwünsche gelassen entgegen, und während in der Halle
die Sektkorken knallten, kümmerte er sich selbstlos um einen Prüfer, der in der
Kabine in seiner Verwirrung eine Flasche Muskelfluid ausgetrunken hatte. Die
abendliche Schlussbesprechung war nur noch Formsache. Drallmeier wurde für den
Bambi vorgeschlagen, er war sehr ausgelassen, warf etliche Runden, und zu
später Stunde gab er reihum Autogramme auf ungedeckten Scheckformularen, so
glücklich war er. Sein Empfang zu Hause war durch vier Spalten in der Lokalpresse
gut vorbereitet, die Wirtin hatte Girlanden aufgehängt, seine Mannschaft stand
Spalier und klatschte. Boogie konnte nicht klatschen, freute sich aber
sichtlich, als Drallmeier sein Versprechen einlöste und ihm ein
Übungsleiter-Abzeichen an die dritte Rippe heftete. Dem Beginn einer
glanzvollen Karriere stand nichts mehr im Wege.
Die Prüfungskommission war noch am Abend
des denkwürdigen Tage still und nachdenklich auseinender gegangen; die
einzelnen Schicksale wurden erst nach und nach bekannt. Der Versuch, den
angehockten Außenreißer nachzuvollziehen, brachte einen der Trainer ins
Gefängnis, denn, nachdem ihm ein halbes Jahr später der Gips abgenommen worden
war, zerbrach er alle seine Schläger und steckte mit dem letzten
Drei-Stern-Ball die Halle seines Vereins in Brand. Er wurde jedoch vorzeitig
entlassen, weil er im Kirchenchor fortwährend an den unpassendsten Stellen „We
are the Champions“ anstimmte und deswegen eine Meuterei auszubrechen drohte.
Eine steile Karriere machte dagegen der
zweite Trainer; seine gutgehende Praxis für Vorhandgeschädigte genießt hohes
Ansehen, im Selbststudium erwarb er sich weitere Kenntnisse, was ihm die
Berufung an die Berliner Charite einbrachte. Dort bekam er den vakanten
Lehrstuhl für Rückhand-Chirurgie angeboten und gilt in der Fachwelt als
Kapazität auf diesem Gebiet. Weniger gut erging es dem Vorsitzenden. Ihm sagt
man eine leichte geistige Verwirrung als Folge des Lehrgangs nach; an
Feiertagen ist er häufig in der Fußgängerzone seiner Stadt zu sehen, wo er
aufrührerische Reden hält und zum Eintritt in die Deutsche Biomechanische
Partei aufruft. Er ist Vorsitzenden und einziges Mitglied seiner Partei, gilt
als nicht gemeingefährlich, muss sich aber einmal im Monat zur amtsärztlichen
Untersuchung melden.
Das interessanteste Schicksal erlitt der
Trainer mit der Lizenz aus Las Vegas. Sofort nach dem Lehrgang schrieb er ein
Lehrbuch auf der Grundlage der Drallmeierschen Theorien, das in den
Vorbesprechungen bei den Experten sehr gut abschnitt. Er hatte davon im
Selbstverlag 10 000 Exemplare drucken
lassen, drei davon an seine Familie verkauft und ließ sich, als die Druckerei
nachdrücklich mahnte, als Animateur auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern; dort
gibt er auch Tischtennisunterricht. Zufällig lernte er in der Karibik einen
lappländischen Großindustriellen kennen, der ihm anbot, als Nationaltrainer am
Polarkreis zu wirken. Er nahm das Angebot sofort an und ist dort sehr
erfolgreich.
Benno Drallmeier, dem er dieses
Engagement letztlich zu verdanken hat, vergaß er nicht, er lud ihn zu den
Polarkreismeisterschaften als Ehrengast ein; Drallmeier nahm die Einladung
erfreut an. Beim abschließenden Bankett ließ er es sich nicht nehmen, den
Schwungspin und den Außenreißer persönlich vorzuführen. Diese Schläge wurden
sofort als „Drallmeiers Nordische Kombination“ in den Lehrplan aufgenommen, er
selbst erhielt die Ehrenmitgliedschaft des gastgebenden Verbandes. Als Zeichen
der besonderen Anerkennung überreichte man ihm ein versilbertes Elchgeweih,
das, nachdem Drallmeier es dank seiner internationalen Beziehungen problemlos
durch den Zolle gebracht hatte, nun im Vereinsheim über dem goldgerahmten
Trainerdiplom hängt.