Regeln
und Material
Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob
man das Schachspiel als Sport bezeichnen mag. Immerhin sind die Aktiven des
königlichen Spiels in die Organisation der Sportverbände eingebunden, und das
neben etlichen Disziplinen, welchen man die Bezeichnung `Sport´ nur mit großer
Nachsicht zugestehen möchte. Eines aber unterscheidet das älteste Spiel der
Welt von allen anderen - noch nie musste es auch nur die kleinste Änderung
seiner Spielregeln hinnehmen. Undenkbar, dass nun plötzlich der Turm diagonale
Züge machen durfte, der Bauer über drei Felder springen und der Läufer hin
laufen konnte, wo er wollte.
Jedes Spiel braucht seine Regeln, und
wenn diese geändert werden, dann in erster Linie, um es zu vereinfachen, zu
verbessern oder auch nur dem Zuschauer verständlicher zu machen. Dass die
Abseitsregel im Fußball letzteres oft ins Gegenteil verkehrt, die
Schiedsrichter als Sehbehinderte erscheinen lässt und die Zuschauer zu wütenden
Protesten hin reißt, nimmt man gelassen hin – was sollte man auch anders
machen? Wir, die Tischtennisspieler, haben da anders reagiert. Weil ob des
schnellen Spiels mit den getunten Belägen der Zuschauer oftmals den Ball nicht
mehr verfolgen konnte und man sich von größeren Bällen eine Verlangsamung des
Spiels versprach, hat man reagiert. Größere Bälle, geringere Geschwindigkeit?
Fehlanzeige, nach kurzer Zeit, nur unterbrochen vom Frischklebeverbot, dann
aber wieder Einsatz der Chemie mit angeblich nicht mehr gesundheitsschädlichen
Mitteln, war es wieder wie früher. Fernsehbilder in Echtzeitwiedergabe lassen
oft nur ahnen, wohin der Ball gerade fliegt, die Verfolgung eines Spiels ist
fast so schwierig wie beim Eishockey den Puck zu lokalisieren. Das mag auch an der
Aufnahmetechnik liegen oder der Sehschwäche des Zuschauers, besser ist es nicht
geworden.
Die Aufschlagregel ist ein noch immer
nicht gelöstes Problem. Vielleicht ist es wirklich unlösbar, denn wenn ein
normaler Spieler von 10 Aufschlägen eines sagen wir Spitzenspielers nur einen
auf den Schläger bekommt und der Ball danach an die Decke springt, soll man dem
Spitzenspieler diese Aufschläge nun verbieten oder den Durchschnittsspieler
solange üben lassen, bis er sie retournieren kann? Beides geht nicht, also
belassen wir es dabei.
Um die Spannung zu erhöhen, wurde die
Zählweise geändert. Auch kürzer sollte das Spiel werden, wenn man auch manchmal
mehr Sätze spielen darf. Im Extremfall ist ein Bundesligaspiel dann nach drei
Partien zu Ende; um die Sache etwas zu verlängern, muss man Pausen einlegen,
zur Unterhaltung das Publikum mit Musik oder sonstigen Einlagen unterhalten
oder hinhalten, wo sie doch eigentlich des Sports wegen gekommen sind und durch
diesen unterhalten werden wollen. Aus einer Sportveranstaltung wird dann eben
ein Event. Dass ein Punktespiel, ob Vierer- oder Sechsermannschaften trotz der
Änderungen manchmal über vier Stunden dauern kann, muss man hinnehmen, die
unübersehbare Vielfalt der Spielsysteme, ob national oder international, ist in
anderen Sportarten undenkbar.
Ebenso die inzwischen riesige Vielfalt an
Materialien, deren Bewerbung den Anspruch auf höchste High-Tec – Innovationen
dokumentieren soll, ein Versprechen, das die gläubigen Konsumenten
widerspruchslos akzeptieren und sich von einem Stück Gummi, aufs Holz geklebt,
Ballgeschwindigkeiten und Rotationen jenseits aller Vorstellungskraft
versprechen, verbunden mit einem Kontrollfaktor, der auch den Ungeschicktesten
unter ihnen zu einem unüberwindbaren Gegner in Angriff und Abwehr macht. Das
sei ihnen unbenommen.
Ganz verwegene Reformer dachten schon daran, die Netzhöhe zu
verändern oder gar die Tische zu vergrößern. Dass diese in Höhe und Größe noch einem Cafehaustisch in England
vor über hundert Jahren
entsprechen und ihre Maße seitdem nicht
geändert wurden, erscheint uns in Anbetracht all der bisher vorgenommenen
Änderungen als Anachronismus dringend änderungsbedürftig. Wir können es
erwarten.