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Benno Drallmeier
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China - Syndrom

     Nach der letzten Weltmeisterschaft wird  man sich neue Gedanken über die Entstehung des Tischtennissports machen müssen. Der bisherigen Version, er sei in England entstanden und habe sich dann über Europa und der übrigen Welt verbreitet, mag man nicht mehr so recht glauben, vielleicht hat alles doch ganz anders begonnen und die Chinesen haben, wenn auch heimlich, seit Menschen-gedenken Tischtennis gespielt, wir haben es bloß nicht bemerkt. Ein Volk, welches eine 2400 km lange Mauer bauen konnte, Papier, Pulver und Porzellan erfand, war bestimmt auch in der Lage, das Tischtennisspiel zu erfinden. Was die Chinesen auch machen, sei es falsch oder richtig, sie tun es sehr gründlich,  stets wird es sehr lange dauern und immer sind es sehr, sehr viele, die gleichzeitig dasselbe tun. Vor etlichen Jahren fand man bei Ausgrabungen über 6000 schön bemalte mannshohe Terrakotta-figuren, eine ganze kaiserliche Leibgarde, 200 v.Chr. eingegraben. Sucht man weiter, ist es nicht ausgeschlossen, dass irgendwo auch ein paar tausend tönerne Tischtennisspieler ans Tageslicht kommen, nach 2000 Jahren. Ohne Helm, aber mit dem Schläger in der Hand, im Penholdergriff vermutlich, und die Wissenschaftler werden berichten, dass neben der Leibgarde auch der Tischtennis-Kader des Kaisers dessen Ruhm der Nachwelt beweisen sollte.

     Inzwischen spielen sie mit unserer Schlägerhaltung besser wie wir, was sie aber nicht daran hindert, mit dem Penholdergriff, dem die Fachleute eine gewisse Rückhandschwäche attestieren, Rückhandtopspin zu spielen, eine Schlagvariante, bei deren bloßer Erwähnung jedem europäischen Trainer sofort die Lizenz entzogen worden wäre. Wir wissen eben zu wenig von ihnen, nur gerade so viel, wie sie uns wissen lassen wollen. Das ist nicht allzu viel, und so suchen wir einigermaßen hilflos nach Erklärungen, warum sie uns denn so überlegen sind.

     Eine Erklärung hat ein vor Ort tätiger Experte parat: „In China sieht man sechsjährige Kinder, die acht Stunden am Tag bis zum Umfallen trainieren....“ sagt er. „Das fängt damit an, dass man in China viele Trainer hat und hört damit auf, dass die Spieler sozial abgesichert sind“, weiß der deutsche Cheftrainer. Sie mögen beide Recht haben, dass das so ist, und das mag man glauben oder nicht, doch das kann kein Modell für uns sein. Das mit den Kindern wollen wir nicht, viele Trainer haben wir selbst, wenn auch offensichtlich nicht genug wirklich gute, und eine soziale Absicherung ist bei uns nicht möglich. Also wird es so wie bisher bleiben, denn Vorhand und Rückhand alleine ersetzen keine Grundschule und ein guter Rückhandtopspin kein Abitur. Was nun die finanzielle Seite angeht, so braucht man sich nur die Summe anzusehen, die unser Staat für den gesamten Hochleistungssport ausgibt, diese mit anderen Ausgaben zu vergleichen und kann dann alle Hoffnung fahren lassen.

     Vieles spricht also dafür, dass das Spiel mit dem Zelluloidball aus dem fernen Osten kommt und das Reich der Mitte seine Hochburg bleiben wird. Das scheint auch Puccini gewusst zu haben, als er in seiner Oper „Turandot“, die in ferner Vergangenheit in Peking spielt, zwei Minister am Hof des Kaisers „Ping“ und „Pong“ benannte. Der dritte Mandarin hieß „Pang“, und das wird wohl der Cheftrainer gewesen sein.

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